Teil 1 unserer neuen Beitragsreihe Standpunkt

Unter der Überschrift „Standpunkt“ erscheinen in loser Abfolge Beiträge zu verschiedenen Themen der Gemeindeentwicklung in Welver

 

Standpunkt „Zukunft bauen“

Teil 1: Von der getriebenen zur gestaltenden Gemeinde

Es geht nicht ohne, das vorweg. Menschen müssen wohnen, Orte brauchen die Erneuerung, Zugezogene geben Gemeinschaften neue Impulse. Boden ist eine knappe Ressource und so ist es nicht verwunderlich und sogar richtig, dass den Entscheidungen über die Nutzung des Bodens kontroverse Diskussionen vorausgehen.

Seit Jahren lähmt der Siedlungsflächenüberhang in Welver die gestaltenden Absichten und bindet Kraft bei dem Bestreben, den Überhang abzubauen zu entwickeln. In der Summe stehen derzeit gut 40 Hektar Fläche in Welver zu Verfügung, die in den Bauleitplänen als bebaubare Fläche ausgewiesen sind, die aber nicht bebaut sind. Rund 12 Hektar entfallen davon aus sogenannte Baulücken – Flächen innerhalb der Ortslagen, die kurzfristig für eine Bebauung zur Verfügung stehen. Orientiert man sich an der gemeindetypischen Siedlungsdichte entspricht dies rechnerisch 200 Baugrundstücken.

Die weiteren rund 28 Hektar sind sogenannte Reserveflächen, die im (langfristig orientierten) Flächennutzungsplan für eine Wohnbebauung oder als Mischgebiete vorgesehen sind, für die bislang aber kein Baurecht vorliegt. Diesen 28 Hektar steht ein Siedlungsflächenbedarf von nur 2,5 Hektar gegenüber. Bei diesem rechnerisch ermittelten Bedarf fließen Kennziffern und Prognosen über den Neubedarf aus der Veränderung der Haushaltszahlen, der Ersatzbedarf für nicht mehr nutzbare Wohneinheiten sowie eine Fluktuationsreserve ein. Bezogen auf die typische Dichte der Siedlungsstruktur (Einwohner je Quadratkilometer) ergibt sich der gesamte Flächenbedarf, den der Regionalplan nach Landesbaugesetz zulässt. Prognostizierten 2,5 Hektar Bedarf zu gut 28 ha Flächenangebot: Das ist ein üppiges Überschreiten der Bedarfe! Kauft man mehr Lebensmittel als gebraucht werden, werden sie schlecht und ungenießbar. Weist ein Gemeinderat in der Vergangenheit zu viele Reserveflächen aus, blockiert er die aktuelle Gemeindeentwicklung. Es mag sein, dass in der Vergangenheit gute Gründe dafür vorgelegen haben, solche üppigen Reserveflächen auszuweisen. Entwicklungskonzepte dafür wurden nicht mitgedacht.

Wobei das Stichwort Gemeindeentwicklung genauer zu betrachten lohnt. Mehr Häuser, mehr Einwohner – alles gut? Das ist ein sehr oberflächliches Verständnis von Gemeindeentwicklung. Was ist mit dem sozialen Leben? Wie viele Zuziehende können integriert werden, wollen sich integrieren und bei Feuerwehr und Vereinskultur mitmachen? Und wo findet dörfliches Leben eigentlich statt? Nur noch im privaten Garten – oder gibt es Flächen mit Aufenthaltsqualität?

Wie sieht es aus in den Ortsteilen mit dem Dorfcharakter, mit dem Ortsbild? In vielen Ortsteilen gibt es Gebiete, die wie abgekoppelt von der Umgebung wirken. Sie spiegeln nicht den Ort, an dem sie entstanden sind, sondern die Zeit, in der sie gebaut wurden: Beispiele dafür sind die größeren und kleineren Baugebiete wie „Im Hagen“ in Welver, das brandneue, mit echten oder gedruckten Gabionen umrahmte Gebiet in Meyerich, aber auch das Gebiet westlich der Hattropholser Straße in Borgeln. Hier zeigt sich der Zeitgeist einer kürzer oder länger zurückliegenden Vergangenheit. Solche Siedlungsgebiete haben ihren eigenen Wesens- und Lebenszyklus. Durch die häufig recht homogene Alters- und Sozialstruktur entstehen im Laufe der Zeit eigene Herausforderungen, beispielsweise durch den Aus- und Wegzug der Kinder und veränderte Bedürfnisse nach Wohnraum.

Welche Entwicklungsschritte gilt es heute zu machen? Es gibt aktuelle Herausforderungen, auf die ein Standardbaugebiet keine Antwort bietet: Wie lässt es sich gut, sicher und sinnvoll gestalten, dass sich Einwohner baulich verkleinern können, ohne gleich den Wohn- und Heimatort zu verlieren? Was passiert eigentlich mit Gebäuden, die wegen Aufgabe der Landwirtschaft nicht mehr genutzt werden? Welche öffentlichen Räume werden in den Dörfern geschaffen, um Begegnungen zu ermöglichen? Und wer achtet darauf, dass die bauliche Identität des Dorfs erhalten bleibt?

Das sind die Herausforderungen, die in die Zukunft reichen! Diese Herausforderungen anzunehmen, setzt allerdings voraus, das Problem des Siedlungsflächenüberhangs zu lösen.

Eine auf der Hand liegende Lösung des Überhangproblems besteht darin, einfach alle ausgewiesenen Reserveflächen zu bebauen. Aber wie denn eigentlich? Reichen die aktuell geäußerten Bauabsichten von Interessenten eigentlich aus, 20 oder mehr Hektar zu bebauen? Was und wie soll eigentlich gebaut werden? Welche Entwicklungsidee für Welver steckt dahinter? Wie verändert die Bebauung vorhandener Reserveflächen das Ortsbild, die Erkennbarkeit und Unverwechselbarkeit des Ortsteils? Was passiert denn dann mit den Baulücken in den Orten? Warum werden diese den Interessenten nicht verfügbar gemacht?

Wenn man sich frei machen will von den Altlasten der Vergangenheit und sich endlich einer zukunftsgerichteten und gestaltenden Gemeindeentwicklung widmen will, muss der andere Weg des Abbaus des Siedlungsflächenüberhangs gegangen werden:

  • Rücknahme/Umwandlung aller Reserveflächen, auf denen kein Baurecht liegt.
  • Festlegung eines transparenten Verfahrens mit dem Ziel, nicht bebaute Grundstücke zur Freifläche umzuwidmen. Dies betrifft Grundstücke, die nach Bebauungsplan grundsätzlich bebaut werden können, die aber langfristig (mindestens sieben Jahre nach Baurecht) von den Eigentümern nicht bebaut wurden. Hier ist es vorstellbar, eine Entscheidungsfrist von einem Jahr zu bestimmen, was den Eigentümern ausreichend Zeit gibt, sich über die eigenen Absichten klar zu werden. Auch für die anschließende Umsetzung kann eine angemessene Frist gesetzt werden.

Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen – Ilona Giese

 

 

[Teil 2 erscheint in etwa vier Wochen]

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