Autofrei auf dem Land – Einkaufen auf neuen Wegen (Start einer neuen Reihe)

Mit unserer neuen Reihe “Zukunftsweisende Mobilität auf dem Land”, möchten wir mit Dir zusammen, verschiedene Möglichkeiten alternativer Mobilitätsformen aufzeigen und diskutieren.

Wir starten die Reihe mit Beiträgen von unserem Sprecher Jan und seiner Familie, die nun seit über einem Jahr ohne Auto bei uns in Welver leben. Sie werden uns mit in ihren Alltag nehmen und Einblicke geben, warum sie sich für ein autofreies Leben entschieden haben und wie sie ihren Tag so -fast- ohne Auto gestalten. Heute beginnen wir mitten im Alltag, mit dem Thema “Einkaufen”:

Hallo, wir sind Nadine und Jan und leben mit unseren drei Kindern im Alter zwischen ein und acht Jahren in Welver-Schwefe. Vor gut einem Jahr war es soweit und wir sind den letzen Schritt gegangen und haben unserem Familienauto “Adieu” gesagt. Und eins vorweg: Wir haben es bis heute wirklich nicht einmal bereut – aber dazu später, in dieser Reihe, mehr.

Eine der häufigsten Fragen, die wir seitdem gestellt bekommen haben, wenn wir über unsere Erfahrungen mit dem autofreien Leben auf dem Land sprechen, ist, “Und wie macht ihr das mit den Einkäufen?”. Daher möchten wir heute mal direkt einsteigen und aufzeigen, wie wir dies in unserem Alltag organisieren.

Im Sinne eines nachhaltigen Lebens versuchen wir unseren Konsum suffizient zu gestalten und damit nur das Nötigste zu Konsumieren, Dinge so lange wie möglich zu erhalten, vorrangig gebraucht zu kaufen, zu reparieren, zu verschenken oder zu tauschen und neue Verwendungen zu finden. Das gelingt im Alltag mal gut, mal weniger gut – wir selbst sind dabei manchmal unsere größten Kritiker:innen ;).

Aber viele Dinge, besonders Lebensmittel, kaufen wir auch neu. Früher haben wir uns schon überwiegend mit dem Fahrrad auf den Weg zum Lebensgarten (Bioladen in Soest) gemacht und eingepackt, bis die Fahrradtaschen voll – manchmal auch zu voll – waren. Heute nutzen wir dazu ausschließlich das Lastenrad, Räder mit Fahrradtaschen oder einen Lastenanhänger. Viele Menschen sagen uns sofort „Ja, aber ich kann doch unmöglich meinen Wocheneinkauf nur mit meinem Rad transportieren, ich habe doch schon den ganzen Kofferraum voll!“. Das können wir sehr gut nachvollziehen, denn ähnlich haben wir auch gedacht.

Nach unseren bisherigen Erfahrungen beim Einkaufen mit dem Fahrrad können wir sagen, es geht! Es geht, wenn man bereit ist, Neues auszuprobieren und das Einkaufsverhalten zu reflektieren sowie flexibler zu gestalten und geduldig mit einem selbst zu sein…denn Änderungen brauchen Zeit :

 

Der Platz ist begrenzt

Der Platz ist begrenzter, vor allem, wenn die Kinder auch noch mit dabei sind. So wurde uns schnell klar, was wir wirklich dringend benötigen und was eher unnötige Dinge sind. Und ganz ehrlich, auch mit einem großen Ladevolumen von Lastenrädern macht der Transport von vollen und leeren Wasserkisten nicht wirklich viel Spaß. Beim Wasser war also schnell klar, ein „Heimsprudler„ muss her, weil manche in der Familie (noch) nicht bereit waren, auf das „Prickeln“ beim Wassertrinken zu verzichten. Heute kommt das Wasser (als best kontrolliertes Lebensmittel!) nur aus dem Hahn und es wird ausschließlich für Gäste gesprudelt. Niemand vermisst das „Prickeln“ – alles nur Gewöhnung! 🙂

Beim Einkauf mit dem Auto landete dann doch mal wieder etwas im Einkaufswagen, was eigentlich nicht notwendig war und häufig, wie (zu viele) Süßigkeiten oder andere, teils hochverarbeitete Lebensmittel und Produkte, die nicht gut für uns sind. Daher ein guter Tipp: Einkauflisten. Ein noch besserer Tipp: Einkaufen mit dem Fahrrad. 🙂 Dadurch, dass der Platz begrenzt ist, sind Einkäufe bis zu einem gewissen Umfang nur möglich, manches passt dann einfach nicht mehr rein. Auch wenn moderne Lastenräder vom Ladevolumen her mit kleineren bis mittleren PKWs mithalten können, bleibt bei größeren Einkäufen doch immer der Gedanke „Geht das wohl noch mit rein?“.

Einkaufsgemeinschaft

Heute kaufen wir den Hauptteil unserer Lebensmittel über eine selbstorganisierte Bio-Einkaufsgemeinschaft. Das geht total gut, denn der Verteil- und Abholort ist nicht weit von uns entfernt und die Lieferung erfolgt alle zwei Wochen. Verteilt sind die Lebensmittel bis zum Nachmittag. Wenn wir selbst nicht verteilen, können wir die Lebensmittel einfach abholen. Da die Bestellung online erfolgt, geht das super schnell: Lastentaschen leeren, zum Abholort fahren, einpacken, ab nach Hause, Ausleeren, fertig! So schnell war vorher noch kein Einkauf, auch nicht mit dem Auto.

Einkaufsgemeinschaften können grundsätzlich von allen Menschen, auch in kleineren Ortschaften, gegründet werden. Es empfiehlt sich, dem ganzen eine Struktur (z. B. einen eingetragenen Verein) zu geben und diese gemeinsam aufzubauen.

Einzelhandel & Markt

Sollten Produkte nicht über die Einkaufsgemeinschaft zu beziehen sein, oder einfach zwischendurch mal ausgehen, fahren wir mit dem Lastenfahrrad vorrangig zum Bioladen (Lebensgarten) oder Unverpacktladen (Mit Liebe unverpackt) nach Soest. Hier bekommen wir Alles, was für den täglichen Bedarf benötigen, idealerweise mit so wenig Verpackung wie möglich.

Eine spannende Erkenntnis, die uns auch dabei bestärkt hat, das Auto abzugeben, ist die Schnelligkeit, mit der die Einkaufswege realisierbar sind (mehr zum Thema „Schnelligkeit & Entschleunigung“ in einem späteren Beitrag): Früher, wenn wir uns nach der Arbeit mal bewusst zum Einkaufen im Lebensgarten getroffen haben, haben wir uns im Anschluss von Soest nach Schwefe häufiger ein ‚Rennen‘ zwischen Auto und Fahrrad ‚geliefert‘, um zu sehen, wer schneller zuhause ist. Häufig habe ich mit dem Fahrrad ‚verloren‘, zweimal war ich, dank ungünstiger Rotphasen an den Ampeln aber auch schneller zuhause.

Sehr gerne kaufen wir auch auf dem kleinen Markt in Welver ein, schaffen es leider nur selten im Alltag, dies zu den Marktzeiten zu realisieren. Wenn man weiß, wie man von Schwefe in den Zentralort kommt, ohne dabei lange an den schnellbefahrenen Landstraßen entlang fahren zu müssen, ist das auch mit Kindern auf den Fahrrädern ein großes Vergnügen. Was aber noch viel mehr Spaß macht, ist, den auch zu Marktzeiten fahrenden Bürgerbus dafür zu nutzen.

Obst- und Gemüseeinkauf

Unser Gemüse und Brot beziehen wir mit unserer Abokiste regional und saisonal über den Demeter-Gärtnerhof Röllingsen bzw. die Bäckerei Morgenstern aus Erwitte. Diese kann einmal die Woche in Röllingsen abgeholt werden. Auch hier macht sich die Gemeinschaft bezahlt: Zusammen mit zwei anderen Abokisten-Besteller:innen sind wir nicht jede Woche dran, die Kisten abzuholen. Und die beiden anderen Kisten lassen sich gut mit dem Lastenrad transportieren. Auch haben wir nette Nachbar:innen, die uns beim Einkauf große Säcke mit Kartoffeln und Karotten vom Naturland Hof Balk-Dreckmann in Dinker mitbringen.

Unser Obst beziehen wir hauptsächlich online, über einen Anbieter, der einmal in der Woche Obst (oder auch Gemüse) versendet, welches in dieser Form den Anforderungen wie Größe, Farbe, Krümmung, Dellen etc. des Lebensmittelhandels nicht genügt. Wir sind uns noch nicht so sicher, ob wir damit einen guten Kompromiss gefunden haben, da das Obst nicht regional und häufig auch nicht saisonal ist. Dafür würde es, in dieser Form mit vermeintlichen Fehlstellen, den Weg in die (Bio-)Supermärkte aber auch nicht finden. Darüber machen wir uns häufig Gedanken.

Selber machen

Damit es zum Kinoabend auch ohne nerviges Kistenfahren eine leckere Limo gibt, machen wir sie häufig einfach selbst – enthält weniger Zucker und ist super lecker. Insgesamt gibt es so viele gute Möglichkeiten, Produkte selbst herzustellen, die nicht aufwendig sind und dabei auch noch Geld sparen.

Die netten Nachbar:innen

Wenn wir feststellen, dass wir doch etwas vergessen haben, oder nicht nur für eine Kleinigkeit extra los möchte, tauschen wir uns mit ein paar Nachbar:innen über einen Messenger und eine eigens eingerichtete Gruppe aus. Dort können Dinge eintragen werden, die man braucht und der:die Nächste, der:die einkaufen fährt, bringt es mit.

Alternativen mit dem Auto ohne ein eigenes Auto

Für viele Produkte, die wir mit dem Lastenrad nicht transportieren können (und das sind überhaupt nicht so viele), nutzen wir von Freund:innen geliehene Autos oder Car-Sharing – aber dazu in einem weiteren Teil in dieser Reihe mehr …

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